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Verband Evangelischer Kirchenmusikerinnen und Kirchenmusiker in
Berlin-Brandenburg-schlesische Oberlausitz (VKBO)

Stellungnahme des VKBO zu "Salz der Erde"

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Stellungnahme des Verbandes evangelischer Kirchenmusikerinnen und Kirchenmusiker in Berlin-Brandenburg-schlesische Oberlausitz (VKBO) zum Perspektivprogramm der EKBO "Salz der Erde"
von Matthias Schmelmer, Vorsitzender des Verbandes

Der Kirchenmusikerverband begrüßt ausdrücklich, dass sich die Kirchenleitung mit der Erarbeitung des Perspektivprogramms „Salz der Erde“ konkret mit der Zukunft unserer Kirche befasst hat.

Wir sehen "Salz der Erde" als eine gute Diskussionsgrundlage, wir erkennen aber auch deutliche Schwächen dieses Programms, die wir im Folgenden aufzeigen.

Zu Abschnitt 1: Gottesdienst, Verkündigung, Spiritualität, Seelsorge

Der Kirchenmusikerverband begrüßt die in weiten Teilen gelungene Analyse der gottesdienstlichen Situation in unserer Kirche. Wir freuen uns, dass der verkündigende Charakter von Kirchenmusik auch von den Verfassern des Perspektivprogramms wahrgenommen wurde. Ebenso erfreut haben wir wahrgenommen, dass die Arbeit mit Kinderchören als wichtiges Arbeitsfeld erkannt wurde. Die Anregung von gemeinsamen Fortbildungen von Pfarrern und Kirchenmusikern sowie die Ermunterung zur Stärkung der Feedbackkultur sehen wir ebenso positiv.

Folgende Punkte bedürfen aber unserer Meinung nach einer Ergänzung:

Ehrenamtliche und nebenberufliche Gestaltung des Gottesdienstes
Die von den Autoren des Perspektivprogramms hoch geschätzte ehrenamtliche und nebenberufliche musikalische Ausgestaltung der Gottesdienste, ohne die Gottesdienste in vielen Kirchen der EKBO nicht denkbar wären, ist nicht möglich ohne eine ausreichende Anzahl hauptberuflicher Kirchenmusikerinnen und Kirchenmusiker. Sie sind Ansprechpartner für Aus- und Fortbildung, sie garantieren eine kompetente fachliche Begleitung, ihnen ist überhaupt erst die Gewinnung von nebenberuflichen Organistinnen und Organisten zu verdanken.

"Jedes geistliche Konzert ist Verkündigung" (S. 25)
Unserer Meinung nach ist der Begriff "Geistliches Konzert" von den Autoren zu eng gefasst worden. Um den verkündenden Charakter eines Konzertes zu gewährleisten, bedarf es nicht immer eines geistlichen Wortes am Anfang und am Ende. Eine gelungene Kulturarbeit, die bewusst die Grenzen eines "geistlichen Konzertes" überschreitet, kann in den Kiez und die Stadt hineinwirken und so ein Türöffner für der Kirche Fernstehende sein.

"Kirchenmusik ist für eine Vielfalt von Stilrichtungen offen" (S. 25)
Hier rennen die Autoren des Programms bei den meisten Kirchenmusikern offene Türen ein. Eine Formulierung, die weniger eine angebliche stilistische Einseitigkeit der Kirchenmusiker unterstellt (wie "eigenen Geschmack nicht absolut setzt" und "ohne Scheuklappen", beides S. 25) wäre wünschenswert gewesen, da das hier gezeichnete Bild von einer stilistisch zu einseitigen Kirchenmusik nicht mehr der Realität entspricht.

Zu Abschnitt 4: Beruflich und ehrenamtliche Mitarbeitende in der Kirche

"Schlüsselberuf Pfarrer"
Die Autoren des Perspektivprogramms bezeichnen den Pfarrberuf als den "Schlüsselberuf der evangelischen Kirche" (S. 94). Wir halten diese Gewichtung für einseitig.

Einen "Schlüsselberuf" üben in der Kirche alle diejenigen aus, die die Türen der Kirche für die Menschen öffnen. Kirchenmusikerinnen und Kirchenmusiker bieten mit Chorarbeit und Konzerten einen niederschwelligen Zugang zur Kirche. Für kirchlich nicht gebundene Chormitglieder und Konzertbesucher sind die Kantorinnen und Kantoren oft die ersten Ansprechpartner der Kirchengemeinde. Das gleiche gilt auch für andere kirchliche Berufe: so kann auch die Erzieherin einer evangelischen Kindertagesstätte für sonst der Kirche fernstehende Eltern die erste Repräsentantin ihrer Kirchengemeinde sein.

Die Kirche der Freiheit lebt von ihrer Vielfalt. Wir empfinden es daher als nicht besonders hilfreich, dass das Perspektivpapier allein den Pfarrberuf mit dem Prädikat "Schlüsselberuf" besonders aufwertet, während es die anderen kirchlichen Berufe kaum erwähnt.

Als besonders zynisch empfinden wir in diesem Zusammenhang, dass dem angemessenen Lebensstandard von Pfarrern ein ganzer Absatz (S. 92) gewidmet ist, während ein klares Aussage zur Zukunftsperspektive für andere berufliche Mitarbeiter völlig fehlt. Nicht nur im Pfarrberuf gilt: die Kirche muss sich darum bemühen, dass sie – für ihre immer weniger werdenden hauptberuflichen Stellen - die fähigsten Mitarbeiter akquirieren kann. Dies geht nur mit einem gerechten Tarifvertrag und mit einer adäquaten Vergütung, die sich für B-Kirchenmusiker an dem Gehaltsniveau von Grundschullehrern, für A-Kirchenmusiker an dem von Gymnasiallehrern orientieren sollte.

Anstellungsträger Kirchenkreis
Die gewünschte Verlagerung aller hauptberuflichen Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter von der Kirchengemeinde zum Kirchenkreis (S. 95) sehen wir mit Sorge. In vielen Fällen, vor allem im ländlichen Bereich, mag die Anstellung eines Kantors oder einer Kantorin beim Kirchenkreis durchaus sinnvoll sein; sie sollte aber sorgfältig begründet sein. In den immer größer werdenden Kirchenkreisen besteht die Gefahr, die kreiskirchlich angestellten Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen an verschiedenen, eventuell weit auseinanderliegenden Einsatzorten, mit Dienstleistungen zu verschleißen. Auch scheint uns die arbeitsrechtliche Seite einer Anstellung beim Kirchenkreis bei Einsatz in mehreren Gemeinden, die Frage der Weisungsbefugnis sowie der Dienst- und Fachaufsicht noch nicht ausreichend geklärt.

Gemeinden bilden den Kern der evangelischen Kirche, ja der christlichen Kirche überhaupt. Sie sind erster Anlaufpunkt, Gemeindeglieder sind oft stark emotional mit "ihrer" Kirche vor Ort verbunden. Eine solche enge Verbundenheit gibt es mit dem Kirchenkreis, der meist nur als anonyme Verwaltungsebene wahrgenommen wird, nicht. So gilt es in einer Zeit der zunehmenden Entkirchlichung der Gesellschaft gerade die Gemeinden zu stärken und lebensfähig zu erhalten.

Vor allem muss es aber auf regionaler Ebene künftig zu einer verstärkten Zusammenarbeit der Gemeinden kommen. Der Kirchenmusikerverband begrüßt solche Kooperationen, bei der sich z.B. zwei Gemeinden eine Kirchenmusikerstelle teilen, ausdrücklich. Gleichwohl müssen solche Konstruktionen gut organisiert sein, um Rivalitäten zwischen den beteiligten Gemeinden, unter denen die Mitarbeiter leiden könnten, zu vermeiden.

Grundsätzliche Anmerkungen

Entstehung und Sprache von "Salz der Erde"
Das Perspektivprogramm "Salz der Erde" ist ein Papier "von oben". Die Kirchenbasis hatte an seiner Entstehung keinen Anteil. In der Kommission, die "Salz der Erde" erarbeitet hat, saß kein einziger beruflicher Mitarbeiter, noch nicht einmal ein "normaler" Gemeindepfarrer. Stattdessen hat die Kirchenleitung mit Dr. Peter Barrenstein den ehemaligen Deutschlandchef der Unternehmensberatung McKinsey in die Kommission berufen.

Dementsprechend bleibt "Salz der Erde" an vielen Stellen in der Logik der Unternehmensberater - Profitmaximierung und Effizienzsteigerung - gefangen.

So suggeriert das Perspektivpapier unterschwellig, dass die kirchlichen MitarbeiterInnen, besonders die in den Gemeinden, in den letzten Jahrzehnten nicht gut genug gearbeitet hätten und deshalb die Kirche so viele Mitglieder verloren hat. Dieser Trend soll jetzt umgekehrt werden durch Maßnahmen wie Feedbackkultur, Qualitätssteigerung der Mitarbeitenden, verbesserte Leitung u.a. Das Papier hält dies für möglich und macht entsprechende Zielvorgaben, z.B. die Erhöhung der "Taufquote" oder die Steigerung der Gottesdienstbesucherzahlen auf 10 % der Kirchenmitglieder.

Es ignoriert dabei völlig den gesellschaftlichen Kontext der fortschreitenden Säkularisierung, die in weiten Kreisen der Gesellschaft bereits tief verankerte Distanz zur Kirche und den demografischen Wandel unserer Gesellschaft. Es bürdet die Verantwortung für den zukünftigen Erfolg oder Misserfolg der Kirche allein den Mitarbeitenden auf.

Kirche für die Zukunft?
Das Perspektivprogramm "Salz der Erde" wirft einen Blick in die nähere Zukunft unserer Kirche. Es setzt "Prioritäten kirchlichen Handelns bis zum Jahr 2020" (Seite 7).

Folgende Fragen bleiben für uns offen:

  • wie stabil ist das Kirchensteuersystem?
  • kann der Verwaltungsapparat weiter reduziert werden?
  • brauchen wir auch künftig eine derart üppig besetzte Leitungsebene?
  • gibt es in der nächsten Generation noch hauptberufliche Mitarbeiter (und für sie eine Vergütung, die zum Leben reicht)?
  • kann man junge Leute heute noch zum Kirchenmusikstudium ermutigen?

Wir wünschen uns zu diesen Themen, aber auch zu den Themen, die "Salz der Erde" bearbeitet, eine Diskussion, die mit uns in den Gemeinden geführt wird. Eine Kirche, die sich seit der Reformation von unten aufbaut, sollte auch ihre Perspektivprogramme von unten aufbauen.


Berlin, den 1. März 2008

Verband evangelischer Kirchenmusikerinnen und Kirchenmusiker
in Berlin-Brandenburg-schlesische Oberlausitz (VKBO)

Matthias Schmelmer, Vorsitzender

Zuletzt bearbeitet von admin am 05.02.2010, 12:23 Uhr