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Verband Evangelischer Kirchenmusikerinnen und Kirchenmusiker in
Berlin-Brandenburg-schlesische Oberlausitz (VKBO)

Perspektiven der Kirchenmusik in unserer Landeskirche

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Perspektiven der Kirchenmusik in unserer Landeskirche
Vortrag von LKMD Dr. Britta Martini und LKMD Dr. Gunter Kennel


Landessynode der Evangelischen Kirche
Berlin-Brandenburg-schlesische Oberlausitz
vom 22 bis 23. April 2005

Sehr verehrte Frau Präses, hohe Synode,

dass wir hier und heute vor Ihnen über das Thema Musik und Kirche reden können, ist dem Ältestenrat zu danken, der im Herbst vergangenen Jahres beschlossen hat, Kirchenmusik zu einem Synodalthema zu machen. Nun hat sich durch die aktuelle Finanzentwicklung unserer Kirche, gepaart mit anderen drängenden Fragen eine Dynamik ergeben, die die thematische Ausrichtung unserer Synode auf ein Minimum beschränkt. Dennoch sind wir dankbar, dass dies alles nicht dazu geführt hat, dass der thematische Schwerpunkt ganz fallengelassen wurde.

Wir haben nun allerdings die Schwierigkeit, in einer knappen halben Stunde über einen wichtigen Bereich im Selbstverständnis unserer Kirche zu sprechen, dessen adäquate Darstellung einen wesentlich breiteren Raum einnehmen müßte. Denn Reden über die Kirchenmusik bedeutet, sich einer großen thematischen Vielfalt zu stellen. Kirchenmusik ist eine Querschnittsdisziplin, eine Dimension, die viele Bereiche kirchlichen Handelns betrifft und berührt: Sie ist Verkündigung und Gebet, Ausdruck individueller Frömmigkeit und gemeinsam gestalteter Religiosität. Sie hat eine seelsorgerliche, diakonische und missionarische Dimension. Sie kann für sich beanspruchen, im Medium der Musik Arbeit mit Kindern, Jugendlichen, Erwachsenen zu sein. Kirchenmusik hat darüber hinaus große Anteile am katechetischen Wirken der Kirche. Sie erfüllt mit anderen Disziplinen zusammen den Bildungsauftrag unserer Kirche und ist Kulturarbeit im weitesten Sinne. Nicht zuletzt ist Kirchenmusik auch Öffentlichkeitsarbeit in ihrem Wirken weit über die binnenkirchlichen Grenzen hinweg in die Gesellschaft hinein.

Neben dieser mehr funktionalen Auffächerung ist Kirchenmusik auch in sich selbst, d. h. in ihren genuin musikalischen Erscheinungsformen stark ausdifferenziert: sie ist Gemeindegesang, Chormusik, Sologesang, sie ist Orgelmusik, Musik für Kammerensembles, Posaunenchormusik und Musik für großes Orchester. Ihr stilistisches Spektrum reicht von Gregorianik über die a-cappella-Chormusik, die barocken Gattungen bis hin zu Avantgarde und Rock, Pop, Jazz.
In welcher Breite man sich darum der Kirchenmusik auf einer Synodaltagung nähern kann, haben uns andere Landessynoden kürzlich vorgemacht bzw. sie werden sich in Kürze ausführlich mit diesem Thema beschäftigen. Die pfälzische und auch die badische Synode haben z. B. ihre diesbezüglichen Beratungen bereits jeweils in einer eindrucksvollen mehrseitigen Dokumentation veröffentlicht.

Wir werden Ihnen aus Zeitgründen nicht den aktuellen Zustand und die eben angesprochenen einzelnen Dimensionen unserer landeskirchlichen Musik anhand von statistischen Daten und Beispielen darstellen.

Vielleicht ist es ja auch eindrucksvoller und vor allem sachgerechter, wenn unser Ist-Stand durch die musikalische Praxis, die wir auf dieser Tagung gemeinsam pflegen, wenigstens ansatzweise und einigermaßen repräsentativ zum Ausdruck kommt.
Und selbst hier mußten wir kürzen. Wir hätten noch gerne einen Kinderchor und ein Gospelchorprojekt vorgestellt, eine Musicalgruppe oder vielleicht auch ein Kammerensemble hier spielen lassen - allein, es gab keine Gelegenheit mehr, dies alles hier unterzubringen.
Sie haben ferner unser Heft "Musik in Kirchen" in Händen, das Ihnen das gottesdienstliche und konzertante Musizieren in unseren Kirchen im Bereich der gesamten EKBO in einer Auswahl vor Augen führt, die die tatsächlich vorhandenen Aktivitäten weitestgehend widerspiegelt.

Wir werden auch nicht aus dem absehbaren Mangel an finanziellen Ressourcen heraus fragen, was können wir uns noch leisten oder wo müssen wir gar etwas abschlagen, was doch eigentlich blüht.
Vielmehr gehen wir drei Leitfragen nach:
Erstens: Welche Musik braucht die evangelische Kirche?
Zweitens: Welche Aufgaben soll Musik in der evangelischen Kirche übernehmen?
Und drittens: Welche Strukturen muss die evangelische Kirche bereitstellen, um evangelische Musikpraxis dauerhaft zu ermöglichen?
Wir hoffen, damit gerade in einer Zeit geringer werdender Finanzmittel inhaltliche Bestimmungen zu geben, die die künftig nötigen Schwerpunktsetzungen erleichtern können.

Erste Leitfrage

Zur ersten Leitfrage: Welche Musik braucht die evangelische Kirche?

Bevor wir diese Frage beantworten, muss zuerst einmal gefragt werden, warum die Kirche überhaupt Musik braucht. So sehr sich der Mensch durch seinen Verstand und den Gebrauch der Vernunft von anderen Geschöpfen unterscheidet, so sehr ist er doch erst ganz Mensch, wenn auch seine Gefühle, seine Ahnungen, seine bewußten und unbewußten Stimmungen in seinem Menschsein einen Stellenwert bekommen. Musik verbindet beides in einzigartiger Weise. In ihr kommen Klang und Sinn, Gefühl und Verstand, die Strukturen begrifflicher wie begriffsloser Sprache zusammen. Musik ist so etwas wie eine elementare Sprache des Menschsein, der es gelingt, gleichsam in einem Atemzug Bewußtes und Unbewußtes, Verstand und Gefühl zusammenzubinden.
Und so unterschiedlich die Menschen sind, so unterschiedlich sind auch die Formen, die Menschen der Musik geben. Musik existiert weltweit als Spektrum von Formen und Dialekten, man könnte auch sagen von Stilen und Genres, die in ihrer Vielfalt und Buntheit kaum zu überblicken und zu erfassen sind. Und umgekehrt, die Identität jedes einzelnen kommt wesentlich auch durch Musik, also die einzigartige und unverwechselbare Mischung an musikalischen Ausdrucksformen und Hörgewohnheiten der einzelnen Menschen zum Ausdruck.

Wenn nun das Evangelium allen gilt, wenn sich die frohe Botschaft an alle Welt richtet, dann heißt dies, dass jeder Mensch mit seiner kulturellen Identität, mit seinen musikalischen Prägungen und Vorlieben, mit der Art, wie er oder sie Musik versteht und gebraucht, vor Gott seinen Platz finden soll. Für die Kirche heißt dies, dass es keine prinzipiell bessere oder schlechtere Musik gibt, keinen kirchlich besonders bevorzugten Stil. Jede Form von Musik hat erst einmal ihre Existenzberechtigung vor Gott, und kein musikalischer Stil darf a priori ausgeschlossen werden. Nicht zuletzt deshalb beobachten wir ja auch die große Vielfalt von Musik in unseren evangelischen Kirchen, angefangen vom therapeutischen Trommeln über das Repertoire sogenannter klassischer Kirchenmusik bis hin zu Avantgarde, Rock, Pop und Techno.

Zweite Leitfrage

Damit sind wir bei der zweiten Leitfrage: Welche Aufgaben soll nun diese vielgestaltige Musik in der evangelischen Kirche übernehmen? Drei Aspekte wollen wir hier nennen:

Erstens: Musik in der Kirche ist zunächst das Medium für den Ausdruck des Glaubens der einzelnen. Glaube ist etwas, das nach außen drängt, nach Darstellung, nach Weitergabe. Glaube ist auch etwas, das den ganzen Menschen betrifft, seinen Verstand und sein Gefühl, die rationalen wie die sinnlichen Komponenten seines Lebens. Darum ist Musik ja gerade das hervorragende Medium, um Glauben zum Ausdruck zu bringen.
Musik in der Kirche hat die Aufgabe, möglichst vielen eine Darstellung und Ausübung ihres Glaubens zu ermöglichen, und zwar zunächst im Umgang mit der Musik, zu der sie einen Zugang haben. Umgekehrt heißt das: Musikalische Praxis in der evangelischen Kirche ist an dem Maßstab zu messen, in welcher Weise sie Menschen zu einem eigenen, durch ihre Person getragenen Glauben führt. Und auch daran zu messen, inwieweit sie diesen Menschen den Ausdruck ihres Glaubens in diesem besonderen Medium ermöglicht.

Zweitens: Weil wir durch Gott in die Gemeinschaft der Gotteskinder berufen sind, kann der Glaube nicht für sich allein existieren, sondern muss gemeinschaftlich gelebt werden. Die Kirche als Gemeinschaft der Gotteskinder bezieht ihre Kraft daraus, dass sich die einzelnen Glaubenden untereinander austauschen, über ihren Glauben ins Gespräch kommen, voneinander lernen, sich gegenseitig erbauen und so als einzelne wie auch gemeinsam im Glauben weiterkommen. In der Kirche kann es darum nicht nur um eine Musik der Selbstbestätigung der eigenen Glaubensformen gehen. Auch darf es bei kirchlicher Musik nicht dabei bleiben, dass verschiedene musikalische Ausdrucksformen nur unverbunden nebeneinander stehen. Das heißt, dass wir mit unseren Gottesdiensten, Gemeindeveranstaltungen, mit unseren öffentlichen Konzerten und Großveranstaltungen nicht einfach nur einen bunten Flickenteppich erzeugen, sondern dass die Stile und die damit verbundenen Glaubensformen in einen echten Dialog treten. Damit ist für die, die kirchliches Musikleben verantworten, ein hoher pädagogischer Anspruch verbunden: nämlich Menschen für andere als die gewohnten musikalischen Darstellungsformen von Glauben hin zu öffnen und zu begeistern.

Das bezieht sich sowohl auf die traditionellen wie die zeitgenössischen Musikformen. Der Glaube der einzelnen oder einzelner Gruppen braucht in diesem Zusammenhang auch eine Musik, von der er zuweilen in Frage gestellt wird. Um zu wachsen, muss er sich auch durch musikalische Antithesen, durch das Nicht-Vertraute, provozieren lassen, beispielsweise durch ein Stück Alter Musik in einem Gospelgottesdienst oder umgekehrt durch einen Popsong in einem kulturprotestantisch geprägten J.-S.-Bach-betonten Gottesdienst.

Drittens: Musik in der evangelischen Kirche muss über das bisher Gesagte hinaus auf das verweisen, was jenseits des individuellen oder gemeinschaftlichen Glaubensausdrucks liegt, auf den uns von außen gegebenen Grund unseres Glaubens, auf Gott selber und seine Verheißungen. Musik in der evangelischen Kirche muss immer wieder der Versuch sein, die Kraft, die im Leiden und in der Auferstehung Jesu liegt oder den neuen Himmel und die neue Erde mit einem neuen Lied, mit "unerhörter" Musik zum Ausdruck zu bringen. Darum brauchen wir das Experiment, das beispielsweise durch ungewöhnliche Kombinationen von Texten, Räumen, Bildern, Licht und Musik neue Wahrnehmungen ermöglicht. Darum brauchen wir auch das musikalisch künstlerische Wagnis neuer Musik, bis dahin, dass wir uns an die Grenzen des Etablierten begeben und uns nicht scheuen, in der autonomen Kunst eine Dialogpartnerin zu suchen, die gewohnten Glaubensmustern auch einmal selbstbewußt entgegentritt.

Fulbert Steffensky hat in seinem Vortrag vor der EKD-Synode 2003 über Fremdheit und Gemütlichkeit im Gottesdienst kritisch gesagt: "Die Selbstfeier der Gemeinde wird zur Gottesdienstabsicht. Dieser Selbstfeier werden die Texte, die Formen und manchmal auch die Räume unterworfen." Hier kann man noch die Musik hinzufügen. Die Begegnung mit dem Neuen, mit dem Unerwarteten – das ist keine planbare "Funktion" von Kunst, aber eine in jeder künstlerischen Äußerung liegende Möglichkeit. Die evangelische Kirche braucht darum um Gottes (und der Menschen) willen eine Musik und Kunst, die über sich hinausweist, die Zeichen ist für das, was sein könnte und einmal sein wird. Sie braucht die Musik all der Komponisten, die sich auch heute noch kreativ mit der Gottesfrage auseinandersetzen.

Wir fassen zusammen:
Musik in der evangelischen Kirche, das heißt erstens: sich in einen Lernprozeß des Sichausdrückens hineinzubegeben und es den einzelnen zu ermöglichen, ihren Glauben in den vielfältigen Mitteln der Musik wiederzufinden und zu artikulieren.
Musik in der evangelischen Kirche, das heißt zweitens: Wahrnehmung zu schärfen, Zwischentöne wahrzunehmen, zu lernen, auf andere zu hören. Das heißt, sich auszutauschen und Glauben in der Musikausübung gemeinsam zu leben.
Musik in der evangelischen Kirche heißt schließlich drittens, die Gottesfrage zu stellen, auf das Unaussprechliche zu verweisen und neue Wahrnehmungen zu ermöglichen.

Der Rat der EKD hat am 2. Juli 2004 beschlossen, dass die Begründung kirchlicher Aufgaben zukünftig durch die Beantwortung der Frage "Was würde der evangelischen Kirche fehlen, wenn es diese Aufgabe nicht mehr gäbe?" zu erfolgen habe. Überzeugend muß, so der Ratsbeschluß, die Frage beantwortet werden können, "ob es für die Zukunft des Protestantismus in Deutschland von herausragender Bedeutung sei, diese Aufgabe fortzusetzen." Der Rat hat in seinem Beschluß außerdem die "kulturelle Kompetenz des Protestantismus" hervorgehoben. Wir denken, dass es mit unseren Ausführungen hinlänglich deutlich geworden ist, dass wir gerade mit unserer Musikpraxis nicht nur ein eminent evangelisches Kennzeichen unseres Glaubens haben, sondern auch, dass gerade in einer reflektierten Musikpraxis ein enormes Potenzial liegt, das für die Erkennbarkeit und den Fortbestand der evangelischen Kirche weiterhin sehr wesentlich ist.

Dritte Leitfrage

Damit sind wir bei unserer dritten Leitfrage: Welche Strukturen müssen wir als Kirche bereitstellen, um evangelisches Musikleben zu ermöglichen?

Zuerst: wir brauchen möglichst viele Menschen, die in der Kirche mit der Musik Erfahrungen im Glauben machen: Als singende Gemeinden und in Chören der unterschiedlichsten Ausrichtung. Dann sicherlich auch als Instrumentalistinnen und Instrumentalisten. Nicht zuletzt natürlich auch als Menschen, die bereit sind hinzuhören, sich auf anderes einzulassen, und sich durch Musik in besondere Glaubenserfahrungen hineinnehmen zu lassen und diese mit anderen auszutauschen. Wir brauchen darum Strukturen, die es allen ermöglichen, mit ihren jeweiligen musikalischen und künstlerischen Begabungen ihr Priestertum aller Getauften zum Ausdruck zu bringen.
Das ist aber auch ein Dienst an der Gesellschaft: Gerade weil in unserer Gesellschaft allgemein das Musizieren und das Singen, ja teilweise schon die Hörbereitschaft und -fähigkeit zurückgehen, muss besonders die evangelische Kirche dagegenwirken. Wenn es die staatliche Schulausbildung nicht mehr schafft, den Menschen Musik zu vermitteln, dann müssen wir es tun und den Menschen die Musik nahebringen, ihnen die Ausdrucksmöglichkeiten geben, die sie zu ihrem Menschsein so sehr brauchen.

Bei dem angesprochenen Ausdruck des Priestertums aller Getauften im Medium der Musik geht es nicht ohne Anleitung, geht es nicht ohne die Menschen, die den Dialog über den Glauben mit musikalischen Mitteln befördern.
Ein besonderer Akzent wird dabei in Zukunft auf dem Bereich der nebenberuflich tätigen Kirchenmusikerinnen und Kirchenmusiker liegen müssen, also auf den Menschen, die - hoffentlich - einen anderen Brotberuf haben und als Nebentätigkeit Musik in der Kirche machen. Diese Menschen haben zwar keinen berufsqualifizierenden kirchenmusikalischen Abschluss, sie benötigen aber eine Ausbildung, die sie dazu befähigt, in verschiedenen musikalischen Stilbereichen verantwortlich agieren zu können und andere beim gemeinsamen Musizieren, sei es als Organistinnen und Organisten, Chorleiterinnen und Chorleiter, Posaunenchorleiterinnen und Posaunenchorleiter oder Popularmusikerinnen und Popularmusiker anzuleiten.

Wer bildet nun die nebenberuflichen Kirchenmusikerinnen und Kirchenmusiker aus, wer übernimmt überhaupt übergeordnete Verantwortung dafür, musikalische Impulse und Vorbilder im evangelischen Gebrauch von Musik zu geben? Das sind die hauptberuflichen Kirchenmusikerinnen und Kirchenmusiker. Und mit diesen beiden Fragen sind die Aufgaben, benannt, denen sich diese Berufsgruppe in Zukunft verstärkt widmen muss. Hauptberufliche Kirchenmusikerinnen und Kirchenmusiker müssen auf Dauer die Garanten für ein reiches musikalisches Leben sein und damit für den besonders für unsere evangelische Tradition kennzeichnenden Reichtum des Glaubensausdrucks. Denn genauso, wie wir Pfarrerinnen und Pfarrer brauchen, die als Theologinnen und Theologen den Weg der Menschen im Glauben begleiten und ihnen zum Ausdruck ihres allgemeinen Priestertums aller Getauften verhelfen, brauchen wir hauptberufliche Kirchenmusikerinnen und Kirchenmusiker, die als musikalische Impulsgeber für das Glaubensleben unserer Kirche bereitstehen. Das Metier der Theologinnen und Theologen ist die Predigt, die Lehre; das Metier der Berufsmusikerinnen und Berufsmusiker ist es, die breiten Möglichkeiten der Musik mit der Vielfalt des christlichen Glaubens und seinen Ausdrucksmöglichkeiten zu verbinden. Diese professionellen Musikerinnen und Musiker müssen dabei in der Lage sein, ein kontinuierliches theologisches Gespräch über Musik in der Kirche zu führen, das in einen verantwortungsvollen Umgang mit Musik in der Kirche mündet.

Unser kirchliches Glaubensleben im Medium der Musik wird nur dann auf Dauer nicht verkümmern, wenn wir ein Mindestmaß an hauptamtlichen Stellen haben, auf denen sich die Stelleninhaberinnen und Stelleninhaber mit aller Kraft und ohne anderem Broterwerb nachgehen zu müssen, der Musik in der Kirche widmen können. Sie sind diejenigen, die so etwas wie die Qualitätssicherung unseres musikalischen Glaubenslebens gewährleisten müssen. Hauptberufliche Kirchenmusikerinnen und Kirchenmusiker müssen dabei in Zukunft die schon immer vorhandene pädagogische Seite ihres Berufes wieder stärker akzentuieren. Sie müssen so Multiplikatoren für die Glaubenserfahrungen im Medium der Musik sein und zwar in den unterschiedlichsten Bereichen:

  • Im Gottesdienst allgemein, indem sie mit darstellerischer Kompetenz eine reiche gottesdienstliche Musik gestalten und dabei die Gemeinden insbesondere beim Singen anleiten.
  • Bei Kasualien, indem sie Menschen bei ihren Lebensübergängen musikalisch begleiten und anleiten. Menschen haben an Kasualien, aber auch an Gottesdiensten und Konzerten zu Übergangsanlässen, z. B. Silvester großes Interesse. Kirchenmusikerinnen und Kirchenmusiker müssen dabei stilistische Vielfalt zulassen und sogar befördern, diese Stile auch miteinander ins Gespräch bringen.
  • In ihren Gruppen und bei öffentlichen Auftritten, indem sie als Leiterinnen und Leiter von Gruppen und Musikaufführungen immer wieder die Glaubensthematik so zur Sprache bringen, dass das evangelische Profil ihrer Arbeit zum Ausdruck kommt.
  • Im Blick auf die (allein schon in unserer Landeskirche fast 2000) Orgeln, indem sie Kinder wie Erwachsene durch orgelpädagogische Maßnahmen für das Instrument interessieren und bei Gemeindekirchenräten für die Pflege dieses großen Kulturschatzes werben.
  • Im Unterricht, indem sie in der Ausbildung nebenberuflicher Kirchenmusikerinnen und Kirchenmusiker weitere Multiplikatoren für diese Arbeit qualifizieren; indem sie aber auch andere Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter (z. B. Erzieherinnen und Erzieher etc.) in einer Weise schulen, die diesen wiederum hilft, mit den ihnen anvertrauten Menschen musikalisch verantwortlich umzugehen.

Die Aufzählung ließe sich noch fortsetzen.

Mit einiger Besorgnis beobachten wir nun in unserer Landeskirche Tendenzen, die Vollzeitanstellungen immer mehr zurücktreten zu lassen zugunsten von Teilzeitbeschäftigungen. Das ist in Einzelfällen sicherlich sinnvoll und in manchen Fällen auch unvermeidlich. Auf Dauer und in großer Zahl wird das aber dazu führen, dass sich niemand mehr für das Ganze verantwortlich fühlt, dass Kirchenmusik mehr und mehr zur Dienstleistung mutiert und uns damit wichtige Impulsgeber für Glaubenserfahrungen im Medium der Musik verloren gehen. Wir befürchten dadurch mittelfristig eine Verarmung unseres geistlichen Lebens in einem wesentlichen Bereich in unserer Kirche, die in ihrer Dramatik leicht unterschätzt wird, weil sie so schleichend vonstatten geht.
Einige - aber leider zu wenige - Kirchenkreise erkennen nach unserer Ansicht die Zeichen der Zeit und begeben sich auf den Weg, ein auf Dauer bezahlbares System an Hauptamtlichkeit zu errichten. Wir wünschen uns, dass noch mehr Regionen und Gemeinden über ihre Kirchtürme hinaus blicken und übergeordnete Verantwortung bei der Anstellung ihrer Kirchenmusikerinnen und Kirchenmusiker zeigen. Gerade in den Zeiten zurückgehender Finanzmittel muss hauptamtliche Kirchenmusik in der Regel von der Gemeindeebene auf die anderen Strukturebenen in unserer Kirche verlagert werden, weil es nur noch sehr wenige Gemeinden geben wird, die sich eine hauptberufliche Kraft werden leisten können.

Die Verlagerung auf die anderen Ebenen ist aber auch aus inhaltlichen Gründen vonnöten, weil z. B. die Ausbildung nebenberuflicher Kirchenmusik keine genuine Aufgabe für einzelne Parochien ist, sondern eine klassische Aufgabe für die mittlere oder gar die landeskirchliche Ebene. Die Möglichkeit eines landeskirchlichen Stellenplanes, mit dessen Hilfe man den nötigen Verlagerungsprozess steuern könnte, haben wir aber wohl mit dem Finanzsystem, so wie es in der ehemaligen EKiBB gilt, auf Dauer verloren. Umso wichtiger wäre es, wenn wenigstens auf der mittleren Ebene Gestaltungskompetenzen versammelt werden können, die wir dort aber derzeit nicht immer in ausreichendem Maße erkennen können. Besonders eklatant wird dieser Mangel dort, wo herausgehobene Stellen, die eine Bedeutung für die ganze Landeskirche und für die Ausstrahlung der kirchlichen Kulturarbeit in die Gesellschaft hinein haben, in Gefahr geraten, weil die sie tragenden Gemeinden nicht die Finanzkraft haben oder weil im Kirchenkreis kein Konsens über die besondere Verantwortung aller gerade für solche Stellen herzustellen ist. Am Beispiel der hauptberuflichen Kirchenmusik wird so besonders deutlich, dass in einer Zeit, in der eben nicht mehr alle Dienste über die einzelne Parochie finanzierbar und aufrecht zu erhalten sind, zugleich unser parochiales System an Grenzen kommt, die Alternativen oder Ergänzungen erforderlich machen.

Dass die hauptamtliche Form der Ausübung des kirchenmusikalischen Amtes nicht mehr von allen in gleicher Weise als wichtig angesehen wird, ist aber wohl nicht nur eine Folge der Verknappung der finanziellen Mittel. Der zuweilen kritische Blick auf die Kirchenmusik hat vielleicht auch seinen Grund darin, dass im Bereich des früheren Westens die bildungsbürgerlichen Milieus nach wie vor zu sehr im Blick der hauptberuflichen Kirchenmusik sind; dass wir im Bereich des früheren Ostens vielleicht immer noch Schwierigkeiten haben, uns unbefangen auf die uns umgebenden gesellschaftlichen Realitäten zuzubewegen. Als Folge derartiger kirchenmusikalischer Versäumnisse und der zurückgehenden Finanzen stehen wir jedenfalls jetzt des öfteren vor der Situation, dass die Relevanz der Arbeit immer mehr hinterfragt wird, obwohl viele Kolleginnen und Kollegen bis zur Selbstausbeutung über das Soll hinaus arbeiten. Die Relevanz kirchenmusikalischer Arbeit wird gelegentlich aber auch deswegen in Zweifel gezogen, weil manchen Kirchenmusikerinnen und Kirchenmusikern die kommunikative Vermittlung des eigenen Glaubens durch die Musik in Zusammenarbeit und im Austausch mit den Pfarrerinnen und Pfarrern nicht gelingt.

Und natürlich gibt es auch unter Kirchenmusikerinnen und Kirchenmusikern wie in jedem anderen Beruf einige besonders problematische Fälle, die einem negativen Image zusätzlich Vorschub leisten: indem sie zu speziell arbeiten, zu sehr nur eine bestimmte Klientel bedienen, mit ihrer Arbeit wenig Relevanz für das sonstige Gemeindeleben oder andere wesentliche Teile des Ganzen entwickeln, und – sei es aus innerer Emigration oder aus lauem Interesse für die Kirche – ihre künstlerische Fortentwicklung jenseits der Glaubensfrage als Hauptzweck ihrer Arbeit verstehen – wenn sie nicht aus Resignation ohnehin nur noch Dienst nach Vorschrift machen.

Impulse

Welche Impulse können nun von unseren Beratungen hier auf dieser Synode ausgehen?
Wir denken, dreierlei.

Zunächst denken wir an einen Appell an die mittlere Ebene und an die Gemeindeebene, die Strukturen dort so zu gestalten, dass die Ausübung hauptberuflicher Kirchenmusik auf einer ausreichenden Zahl von Vollzeitstellen möglich bleiben muss.

Konkret muss das heißen, dass die mittlere Ebene gestärkt werden muss, um auf ihr die Kirchenmusik zukünftig anzusiedeln. Die Gemeinden müssen lernen, dass hauptberufliche Kirchenmusikerinnen und Kirchenmusiker kein "Gemeindebesitz" sind, sondern eine übergemeindliche Funktion wahrnehmen, die aber positiv auf die Gemeinden zurückstrahlt. Für die - durchaus berechtigten - Gemeindeinteressen muss, pointiert gesagt, gelten: lieber eine ordentliche 50% C-Stelle in einer Gemeinde, die es finanziell nicht mehr schafft, als die Absurdität einer 30% oder 40%-B-Stelle, teilweise noch verschleiert durch arbeitsrechtlich problematische Honorarvertragslösungen mit zumeist kurzer Halbwertszeit.

Auf landeskirchlicher Ebene sollten wir dabei - trotz der akuten Haushaltsprobleme - darüber nachdenken, ob nicht mittelfristig so etwas wie ein Ausgleichsfonds geschaffen werden könnte, mit dessen Hilfe es möglich ist, etwa 8-10 landeskirchlich bedeutsame Stellen nach Maßgabe der Verhältnisse zu unterstützen, und zwar dort, wo die sie tragenden Körperschaften es nachweislich nicht alleine schaffen, sie adäquat auszustatten.

Zweitens müssen wir unsere Anstrengungen im Bereich der Ausbildung und der Betreuung der nebenberuflich tätigen Kirchenmusikerinnen und Kirchenmusiker auf landeskirchlicher Ebene erheblich ausweiten.

Die für die Ausbildung nebenamtlicher Kirchenmusikerinnen und Kirchenmusiker nötigen Strukturen sind bei uns rechtlich vorhanden und, wie wir denken, weitestgehend auch auf dem Stand der Zeit. Nur müssen wir die Zahl derer, die solche Ausbildungen durchlaufen, künftig deutlich steigern und die Ausbildungsangebote für Popularmusik und Kinderchor, die derzeit noch nicht in die Tat umgesetzt werden konnten, umgehend schaffen und dann dafür werben.
Wir sind gerade dabei, hier ein Ausbildungssystem zu entwickeln, das sowohl bestimmte Aufgaben, die sich bündeln lassen, auch zentral zusammenfasst, das aber auch den Erfordernissen der Fläche und den regionalen Bedürfnissen Rechnung trägt.

Drittens ist es genauso wichtig, dass endlich Prozesse der Motivierung und Berufsbegleitung von hauptberuflichen Kirchenmusikerinnen und Kirchenmusikern in Gang gebracht werden.

Ein erstes bescheidenes Instrument dazu haben wir mit der Schaffung der Funktion kirchenmusikalischer Vertrauenspfarrerinnen und –pfarrer im Ausführungsgesetz geschaffen, das wir im letzten Herbst beschlossen haben. Dies kann aber nur ein erster Schritt eines Prozesses sein, der die Stärkung der Kommunikation zwischen Theologinnen/Theologen und Musikerinnen/Musikern zum Ziel hat, etwa auch durch gemeinsame Ausbildungseinheiten und Fortbildungen für die beiden Berufsgruppen u. ä. Dringend erforderlich wäre auch die praktisch-theologische Weiterbildung der hauptberuflichen Kirchenmusikerinnen und Kirchenmusiker zum verantwortlichen pastoraltheologischen Umgang mit ihrem Medium Musik.

Vielleicht ist im Blick auf den letztgenannten Punkt ja auch die Phase, in der sich unsere Kirche befindet, allen Unkenrufen zum Trotz gar nicht so ungünstig. Denn wenn wir jetzt schon über ein zukünftiges einheitliches Finanzsystem, wenn wir schon über neue Vergütungsregelungen für unsere hauptberuflichen Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter nachdenken müssen: warum nicht dann auch mit diesen neuen Regelungen die Bereitschaft zur Fortbildung fördern? Warum dann nicht auch besonders gute Kirchenmusikerinnen und Kirchenmusiker belohnen? Und die guten sind nicht unbedingt die, die abstrakten Normen und brüchig werdenden Berufsidealen aus früheren Zeiten gehorchen, sondern die, die das jeweilige Stellenprofil am besten und kreativsten ausfüllen. Diejenigen, denen es gelingt, mit ihrer Musik die Relevanz kirchlicher Arbeit für ihr Wirkungsumfeld zu demonstrieren, und denen es auch gelingt, neue Mitglieder an die Kirche heranzuführen.
Warum nicht Möglichkeiten schaffen, dass wir uns als Landeskirche auch weiterhin gute Kirchenmusikerinnen und Kirchenmusiker leisten können und nicht hilflos zusehen müssen, wie diese in besser zahlende Landeskirche abwandern oder, umgekehrt, sich nicht für eine Arbeit hier interessieren? Gerade in der jetzigen Situation brauchen wir dringend höchste professionelle Qualität und nicht das Mittelmaß. Und zur professionellen Qualität gehört für uns neben musikalischer Kompetenz genauso Teamfähigkeit, Kommunikationsfähigkeit, pädagogisches und organisatorisches Geschick, Reflexionsbereitschaft und andere pastoraltheologisch relevante Eigenschaften.
Hier in dieser Landeskirche mit ihrem breiten Spektrum von Dahlem bis Kreuzberg, von Pankow bis Neukölln, von Belzig bis Prenzlau, von Lenzen bis Görlitz zu arbeiten, kann so spannend sein. Wo sonst, wenn nicht hier, werden Menschen gebraucht, die die Situation als Herausforderung annehmen und darum das volle Engagement entwickeln. Einsatz ist gefragt und nicht Depression. Darum wünschen wir uns, dass gerade von unserer Landeskirche mit ihren Gegensätzen und von dieser Synode Impulse ausgehen, die in die ganze EKD hineinstrahlen, weil vieles, was wir derzeit hier erleben, früher oder später die ganze EKD betreffen wird. Wo sonst als hier wäre z. B. ein Pilotprojekt anzusiedeln, das EKD-weit Vorbild haben könnte? Nicht das Vorbild eines besonders drastischen Sparkonzeptes nach dem Rasenmäherprinzip, sondern das Vorbild eines klugen und weitblickenden Personalmanagements, das perspektivisch mit wenigen, aber hoch motivierten Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern sicherlich mehr bewirken kann als mit einer vom ständigen Abbau bedrohten relativen Vielzahl von Frustrierten. Ein Pilotprojekt, das z. B. auch einen 2. Ausbildungsabschnitt für hauptberufliche Kirchenmusik beinhaltet (ähnlich dem Vikariat der Theologinnen und Theologen) und dabei die Ansätze weiterentwickelt, die es in Bayern, Württemberg und Baden dafür bereits gibt. Oder auch eines, das verbindliche Fortbildungen für Kirchenmusiker vorsieht.
Unsere Landeskirche schafft derlei sicher nicht aus alleiniger Kraft, aber vielleicht können wir ja andere Landeskirchen oder die EKD für ein Modell erwärmen, das einen solchen 2. Ausbildungsabschnitt oder ein Fortbildungssystem beispielsweise mit der Arbeit an Predigerseminaren oder mit anderen kirchlichen Fortbildungseinrichtungen verkoppelt. Damit könnte den hauptberuflichen Kirchenmusikerinnen und Kirchenmusikern das an die Hand gegeben werden, was sie in ihrem künstlerischen Studium nicht lernen können, was sie aber in ihrem Beruf in Zukunft verstärkt brauchen: Kommunizieren, Reflektieren, darstellerische und pädagogische Kompetenzen im weitesten Sinne entwickeln.

Schluss

Das Generalthema unserer Synodalperiode ist Mission. Mission heißt für uns: Werbung zum christlichen Glauben. Nicht unbedingt nur für die konkrete Form, die wir als je einzelne als die für uns richtige empfinden, sondern Werbung als Hilfestellung dazu, zusammen mit anderen Menschen einen jeweils eigenen Weg im Glauben zu finden.
Musik ist dafür ein hervorragendes Medium, weil sie die unterschiedlichsten Menschen unmittelbar packen und zusammenführen kann. Und dies nicht zuletzt deswegen, weil sie weiter reicht als Worte und in einer Weise zum religiösen Erleben führt, die anderen Medien verschlossen ist.
Wenn wir in unserer Kirche ein reiches und von vielen getragenes Musikleben haben, ein Musikleben, in dem der Glaube der Menschen durchscheint, die diese Musik machen, und: wenn wir unsere Hausaufgaben machen und die optimalen Strukturen für ein solches Musikleben in unserer Kirche schaffen, dann braucht uns um die Erfüllung unseres missionarischen Auftrags nicht bange zu sein.


Beschluss: Von der Landessynode am 22. April 2005 an die Tagungsausschüsse Theologie/Liturgie (federführend) und Gemeinde und Diakonie (mitberatend) überwiesen.

Zuletzt bearbeitet von admin am 28.02.2010, 16:06 Uhr